I.Der König an der Tür: das erste Haus als Schwelle
Haus 1 ist das erste der zwölf. Es markiert den Punkt, wo die Ekliptik den östlichen Horizont zum Zeitpunkt der Geburt kreuzt: den Aszendenten. In der hellenistischen Tradition wurde dieses Haus horoskopos genannt —der «Stundenmarkierer»—, und davon kommt das Wort «Horoskop». Es ist nicht einfach ein weiteres Haus: es ist das Haus, das dem Rest den Namen gibt.
Die Sonne in Haus 1 fällt per Definition nahe dem Aszendenten. Sie kann im ersten Haus des aszendenten Zeichens oder des vorhergehenden Zeichens sein (je nach Haussystem und exaktem Grad). Diese Nähe zum östlichen Horizont bewirkt, dass die Sonne «aufgeht» mit dem Subjekt: ihre Energie begleitet den ersten Atemzug, den ersten Eindruck, das erste Mal, dass die Welt es sieht.
Diese Seite behandelt diese konkrete Platzierung. Nicht die Sonne im Abstrakten noch Haus 1 im Abstrakten: die Sonne, wenn sie in das Haus des Aszendenten fällt, und die Folgen, die das für die Horoskopdeutung hat. Der Unterschied zur Sonne im Löwen (essentielles Domizil) ist technisch: das Haus gibt keine essentielle Würde, es gibt accidentelle Stärke. Der Planet ist in seinem natürlichen Terrain, nicht weil das Zeichen mit seiner Natur übereinstimmt, sondern weil das Haus ihn an den Ort maximaler Sichtbarkeit stellt.
Die Sonne in Haus 1 ist daher ein potenter Ausgangspunkt. Eine der sichtbarsten Platzierungen im Geburtshoroskop und zugleich eine der urteilsanfälligsten gegen äußere Kritik. Wo starke Präsenz ist, ist starker Blick. Das Haus befreit nicht vom Charakter; es stellt ihn aus.
- Haus des Aszendenten: Haus 1 markiert, wo die Ekliptik den östlichen Horizont kreuzt. Es ist der «Stundenmarkierer» (horoskopos), der dem Horoskop den Namen gibt.
- Angular: Haus 1 ist eines der vier angular Häuser (I, IV, VII, X). Planeten in angular Häusern operieren mit maximal sichtbarer Kraft.
- Accidentelle Stärke, nicht essentielle: das Haus gibt keine Würde (wie das Domizil im Zeichen), es gibt Sichtbarkeit. Der Planet ist am Ort, wo er am meisten gesehen wird.
- Nähe zum Aszendenten: die Sonne in Haus 1 ist nahe dem aszendenten Grad. Ihre Energie begleitet den «ersten Atemzug» des Subjekts.
II.Die Natur der Sonne: das Luminar, das Körper wird
Die Sonne ist, in der klassischen Astrologie, eines der beiden Luminare. Ihre Natur ist erhitzend und trocknend, gemäß Ptolemäus (Tetrabiblos I.5). Sie erhitzt und trocknet. Im Geburtshoroskop repräsentiert sie die zentrale Identität, die Vitalität, das bewusste Ego und, im traditionellen Sinn, den Vater.
Wenn dieses Luminar in Haus 1 fällt, wird seine Natur Körper. Die solare Identität —die in anderen Häusern ein innerer Kern sein kann, nur dem Subjekt zugänglich— wird äußere. Die Sonne in Haus 1 versteckt sich nicht: sie projiziert. Die Vitalität liest sich in der physischen Erscheinung, in der Haltung, in der Art, einen Raum zu betreten. Das Ego kleidet sich als Fleisch.
Es gibt einen wichtigen technischen Unterschied zur Sonne in Haus 12 (dem vorhergehenden Haus). Die Sonne in Haus 12 ist unter dem Horizont: sie ist eine Sonne, die noch nicht aufgegangen ist, eine Identität, die im Verborgenen gestaltet. Die Sonne in Haus 1 ist über dem Horizont oder kreuzt ihn: sie ist eine Sonne, die aufgeht, eine Identität, die sich offenbart. Ein Haus Unterschied ändert die gesamte Lesung.
Haus 1 regiert vier konkrete Dinge, die die Sonne aktiviert. Erstens den physischen Körper: die Konstitution, die sichtbare Gesundheit, die Energie, die der Körper ausstrahlt. Zweitens die Erscheinung: nicht nur das Physische, sondern den Eindruck, der beim ersten Treffen verursacht wird. Drittens die projizierte Persönlichkeit: das «Ich», das andere sehen, bevor sie das Subjekt kennen. Viertens das Temperament: die Art, in der Welt zu sein, der Charakter in seinem unmittelbarsten Ausdruck.
- Erhitzendes und trocknendes Luminar: die Sonne erhitzt und trocknet (Ptolemäus, Tetrabiblos I.5). In Haus 1 wird diese Natur Körper.
- Projizierte Identität: die Sonne in Haus 1 versteckt sich nicht, sie projiziert. Die Vitalität liest sich in der physischen Erscheinung und der Haltung.
- Unterschied zu Haus 12: die Sonne in Haus 12 ist unter dem Horizont (gestaltet im Verborgenen); die Sonne in Haus 1 geht auf (offenbart sich). Ein Haus ändert die gesamte Lesung.
- Vier Aktivierungen: physischer Körper, Erscheinung, projizierte Persönlichkeit, Temperament. Die Sonne entzündet alle vier.
✦✦«Prima domus totius uitæ principium significat.»
Das erste Haus bedeutet den Anfang des gesamten Lebens.
Guido Bonatti, Liber Astronomiae, tract. IX (c. 1280). Ed. Robert Zoller, Golden Hind Press, 1994.
III.Haus 1 als Terrain: die Schwelle des Ichs
Haus 1 ist, in der traditionellen Astrologie, das Haus des Aszendenten und des Genius —des Geistes, der der Geburt vorsteht—. Die Hellenisten nannten es horoskopos; die Mittelalterlichen vita («Leben»); die Renaissance-Astrologen persona («Maske», im theatalischen Sinn). Diese drei Wörter beschreiben dieselbe Sache aus verschiedenen Winkeln: den Punkt, wo das Subjekt der Welt begegnet.
Als Terrain tut Haus 1 drei Dinge mit der Sonne. Es angularisiert sie: stellt sie in einen der vier Pfeiler des Horoskops (neben IV, VII, X), wo ihre Energie maximal ist. Es sichtbart sie: stellt sie an den Ort des ersten Eindrucks, wo alles, was die Sonne repräsentiert, offensichtlich wird. Es personalisiert sie: die Sonne in Haus 1 spricht nicht von einer Funktion (wie in Haus 6, die Arbeit) noch von einer Beziehung (wie in Haus 7, die Partnerschaft); sie spricht vom Subjekt selbst.
Haus 1 ist natürlich mit dem Zeichen Widder in der zodiacalen Entsprechung der Häuser assoziiert (Widder=1, Stier=2, usw.). Diese Entsprechung ist nicht zufällig: der Widder ist das Zeichen des Frühlings, des Beginns, des «Ich bin». Haus 1 teilt diese Qualität. Eine Sonne in Haus 1, ohne im Widder sein zu müssen, hat etwas vom widerischen Impuls: das Bedürfnis zu existieren, zu beginnen, der Erste zu sein.
Es gibt eine technische Unterscheidung, die wichtig ist. Haus 1 ist nicht dasselbe wie der Aszendent. Der Aszendent ist der exakte Grad des östlichen Horizonts; Haus 1 ist der Sektor, der bei diesem Grad beginnt (je nach Haussystem: Placidus, Ganze Zeichen, usw.). Die Sonne kann in Haus 1 sein, ohne mit dem Aszendenten konjungiert zu sein (wenn sie mehrere Grade innerhalb des Hauses fällt), oder sie kann mit dem Aszendenten konjungiert sein, während sie technisch in Haus 12 ist (wenn das System Placidus ist und der Grad eng). Die Interpretation nuanciert nach beiden Angaben.
- Drei Namen, eine Sache: horoskopos (hellenistisch), vita (mittelalterlich), persona (Renaissance). Der Punkt, wo das Subjekt der Welt begegnet.
- Drei Wirkungen des Terrains: angularisiert (maximale Kraft), sichtbart (erster Eindruck), personalisiert (spricht vom Subjekt selbst, nicht von Funktionen).
- Entsprechung mit dem Widder: Haus 1 ist natürlich mit dem Widder assoziiert (Beginn, Frühling, «Ich bin»). Die Sonne in Haus 1 hat etwas vom widerischen Impuls.
- Aszendent ≠ Haus 1: der Aszendent ist der exakte Grad; Haus 1 ist der Sektor. Die Sonne kann im einen sein, ohne mit dem anderen konjungiert zu sein.
✦✦«Horoscopus uita hominis et corporis significator est.»
Der Aszendent ist der Signifikator für das Leben und den Körper des Menschen.
Vettius Valens, Anthologiae, libro II (s. II d.C.). Trad. inglesa Mark Riley, 2010.
IV.Der Lebensbereich: Identität, Körper, Präsenz
Die Sonne in Haus 1 manifestiert sich im Bereich der projizierten Identität. Es ist nicht die innere Identität (das ist die Sonne nach Zeichen); es ist die Identität, wie die Welt sie empfängt. Das Subjekt mit dieser Platzierung ist, für andere, was es zu sein scheint: die Lücke zwischen «Sein» und «Scheinen» verengt sich.
Auf der Ebene des physischen Körpers gibt die Sonne in Haus 1 sichtbare Vitalität. Die Konstitution ist tendenziell robust oder zumindest präsent. Der Blick hat eigenes Licht. Die Haltung zieht, ohne sie zu suchen, Aufmerksamkeit auf sich. Das ist nicht Schönheit —die Sonne regiert nicht die Ästhetik, das ist Venus—; es ist Präsenz. Es gibt hässliche Subjekte mit Sonne in Haus 1, die einen Raum füllen, wenn sie eintreten, und schöne Subjekte ohne Sonne in Haus 1, die unbemerkt bleiben.
Auf der Ebene der projizierten Persönlichkeit erzeugt die Sonne in Haus 1 einen erkennbaren Menschentyp: der, der Raum beansprucht, ohne um Erlaubnis zu bitten. Nicht aus Arroganz —noch nicht—; aus Natur. Der innere Löwe (wenn die Sonne im Löwen ist) oder der innere Wassermann (wenn im Wassermann) wird in Haus 1 äußere. Die Maske fällt mit dem Gesicht zusammen.
Es gibt eine vierte Ebene, weniger diskutiert: das Temperament. Haus 1, in der traditionellen Medizin der vier Säfte, war mit der complexio assoziiert —der Mischung aus heiß, kalt, feucht und trocken, die die Reaktionsweise definiert—. Die Sonne, erhitzend und trocknend, in Haus 1 gibt tendenziell ein cholerisches oder sanguinisches Temperament (gemäß Aspekten): schnell in der Reaktion, warm im Umgang, trocken in der Entscheidung.
- Projizierte Identität: die Identität, wie die Welt sie empfängt. Die Lücke zwischen «Sein» und «Scheinen» verengt sich.
- Physischer Körper: sichtbare Vitalität, präsente Konstitution, Blick mit Licht. Nicht Schönheit (das ist Venus); es ist Präsenz.
- Projizierte Persönlichkeit: das Subjekt, das Raum beansprucht, ohne um Erlaubnis zu bitten. Die Maske fällt mit dem Gesicht zusammen.
- Temperament: cholerisch oder sanguinisch (gemäß Aspekten). Schnell in der Reaktion, warm im Umgang, trocken in der Entscheidung.
V.Wie es sich manifestiert: die Sonne, die mit dem Subjekt aufgeht
Die Sonne in Haus 1 manifestiert sich als ein kontinuierlicher Sonnenaufgang. Das technische Bild ist präzise: die Sonne zum Zeitpunkt der Geburt kreuzt oder hat den östlichen Horizont gekreuzt. Sie geht mit dem Subjekt auf. Diese Qualität des «Aufgehens» —der Offenbarung, der Erscheinung— definiert die Art, in der Welt zu sein, für den, der diese Platzierung hat.
In der Kindheit fällt die Sonne in Haus 1 früh auf. Das Kind mit dieser Platzierung wird gewöhnlich für seine Vitalität, seine Präsenz, seinen «Charakter» erkannt. Erwachsene weisen darauf hin: «was für ein lebhaftes Kind», «was für eine Persönlichkeit». Das ist nicht notwendigerweise eine Gabe: frühe Sichtbarkeit kann eine Last sein. Das Subjekt lernt früh, dass es gesehen wird, und passt sein Verhalten an diesen Blick an —zum Besseren (Charisma) oder zum Schlechteren (Theatralik)—.
Im Erwachsenenleben übersetzt sich die Sonne in Haus 1 in ein Bedürfnis, öffentlich zu existieren. Nicht notwendigerweise Berühmtheit (das hängt von Haus 10 und anderen Faktoren ab), aber in seinem Kreis erkannt zu werden. Das Subjekt mit dieser Platzierung erträgt keine prolongierte Anonymität: es verwelkt, wenn niemand es sieht. Das kann zu Expositionsberufen (Schauspieler, Politiker, Lehrer, Führer) führen, oder einfach zu einer Art, im Leben zu stehen, wo das «Ich» immer im Vordergrund ist.
Es gibt ein Paradox. Die Sonne in Haus 1, die die «egoischste» Platzierung zu sein scheint, ist auch die verletzlichste gegen den äußeren Spiegel. Das Subjekt erkennt sich daran, wie andere es ansehen. Wenn die Spiegel freundlich sind, blüht es; wenn sie grausam sind, verteidigt es sich mit Arroganz oder zieht sich verletzt zurück. Die projizierte Identität hängt vom Publikum ab, selbst wenn das Subjekt glaubt, keines zu brauchen.
- Kontinuierlicher Sonnenaufgang: die Sonne geht mit dem Subjekt auf. Qualität der Offenbarung, der Erscheinung, des Vordergrunds.
- Kindheit: Vitalität und Charakter fallen früh auf. Frühe Sichtbarkeit kann eine Last sein (die Last, gesehen zu werden).
- Erwachsenenleben: Bedürfnis, öffentlich zu existieren. Erträgt keine prolongierte Anonymität. Expositionsberufe oder Art, mit dem «Ich» im Vordergrund zu sein.
- Paradox: die «egoischste» Platzierung ist die verletzlichste gegen den äußeren Spiegel. Die Identität hängt vom Publikum ab, selbst wenn man glaubt, keines zu brauchen.
VI.Der Schatten der Tür: Egozentrismus, Exhibitionismus, Fragilität
Wo die Präsenz potent ist, ist auch der Schatten potent. Die Sonne in Haus 1, in ihrer maximalen Sichtbarkeit, hat auch ihre maximale Ausgesetztheit. Das Haus, das das Subjekt in den Vordergrund stellt, stellt es auch unter den Blick: was gesehen wird, wird beurteilt.
Der Schatten der Sonne in Haus 1 heißt Egozentrismus. Nicht die gesunde Anerkennung des eigenen Wertes —das ist die Gabe des Hauses—, sondern die Verwechslung zwischen dem Ich und der Welt. Das Subjekt im Schatten wird zum obligatorischen Zentrum: fordert Aufmerksamkeit, bestraft Gleichgültigkeit, verwechselt seine Präsenz mit dem Zentrum des Universums. Die projizierte Identität wird zu einer tyrannischen Maske.
Es gibt drei typische Formen des Schattens. Der Exhibitionismus: das Subjekt zeigt sich übermäßig, verwechselt Existieren mit Gesehenwerden, braucht ein Publikum, um sich real zu fühlen. Die narzisstische Fragilität: das Subjekt, das gesehen zu sein gewohnt ist, erträgt keine Kritik und keine Unsichtbarkeit; jede Verachtung wird als tiefe Wunde erlebt. Die Auferlegung: das Subjekt beansprucht so viel Raum, dass die anderen nicht passen; verwechselt Präsenz mit Dominanz und Charisma mit Autorität.
Die drei sind dieselbe Sache aus verschiedenen Winkeln: die Sonne, die erleuchten sollte, ist zur Sonne geworden, die blendet. Die projizierte Identität, die die Gabe ist, wird zum Gefängnis. Das Subjekt kann nicht aufhören, gesehen zu werden, und kann es nicht ertragen, nicht gesehen zu werden. Diese doppelte Falle ist der spezifische Schatten von Haus 1.
- Egozentrismus: Verwechslung zwischen Ich und Welt. Das Subjekt wird zum obligatorischen Zentrum, fordert Aufmerksamkeit, bestraft Gleichgültigkeit.
- Exhibitionismus: zeigt sich übermäßig, verwechselt Existieren mit Gesehenwerden, braucht ein Publikum, um sich real zu fühlen.
- Narzisstische Fragilität: erträgt keine Kritik und keine Unsichtbarkeit. Jede Verachtung wird als tiefe Wunde erlebt.
- Auferlegung: beansprucht so viel Raum, dass die anderen nicht passen. Verwechselt Präsenz mit Dominanz, Charisma mit Autorität.
Die Präsenz des Königs
DonNatürliches Charisma, sichtbare Vitalität, mühelose Autorität. Die Sonne in Haus 1 in ihrem würdevollen Ausdruck: besetzt seinen Platz, ohne den der anderen zu verleugnen.
Der Schatten der Tür
DistorsiónBedürfnis, gesehen zu werden, Fragilität vor Kritik, Auferlegung über andere. Die Sonne in Haus 1, wenn die Präsenz zur Tyrannei wird.
VII.Typische Aspekte zur Sonne in Haus 1
Die Sonne in Haus 1 wird nicht allein interpretiert. Die Aspekte, die andere Planeten mit ihr bilden, nuancieren die Sichtbarkeit, intensivieren oder spannen sie. Eine Sonne in Haus 1 mit einem Trigon von Jupiter ist nicht dieselbe Sonne wie eine mit einem Quadrat von Mars. Das Haus gibt das Terrain; die Aspekte geben die Kräfte, die es umgeben.
Die häufigsten Aspekte zur Sonne in Haus 1 sind vier. Die Konjunktion mit dem Aszendenten (wenn die Sonne in den ersten Graden des Hauses ist): maximale Sichtbarkeit, Identität und Erscheinung sind eins. Die Opposition von Haus 7 (Planeten im Haus des Partners): Spannung zwischen Ich und dem anderen; klassisch in Horoskopen, wo die Beziehung das große Thema ist. Das Trigon von Haus 5 oder Haus 9: fließt; Kreativität (V) oder Sinn (IX) speisen die Identität. Das Quadrat von Haus 4 oder Haus 10: Herausforderung zwischen dem Ich und den Wurzeln (IV) oder der Berufung (X).
Weiche Aspekte erleichtern den würdevollen Ausdruck der Sonne in Haus 1: das Subjekt besetzt seinen Platz ohne Reibung. Harte Aspekte aktivieren den Schatten: Egozentrismus, Auferlegung, Fragilität. Aber auch, und das ist wichtig, harte Aspekte geben Kraft. Eine Sonne in Haus 1 ohne Spannung kann strahlend, aber weich sein; eine stark aspektierte Sonne in Haus 1 ist ein Kräftefeld, das das ganze Horoskop umkreist.
Die praktische Regel: die Sonne in Haus 1 ist die Fassade. Aspekte beschreiben, welche Kräfte sie umgeben und bedrängen. Die Interpretation wird von der Fassade nach innen aufgebaut: zuerst die Sonne in Haus 1 (Sichtbarkeit), dann die Aspekte (Beziehungen), dann das Zeichen (Qualität).
- Konjunktion mit dem Aszendenten: maximale Sichtbarkeit. Identität und Erscheinung sind eins.
- Opposition von Haus 7: Spannung zwischen Ich und dem anderen. Klassisch in Horoskopen, wo die Beziehung das große Thema ist.
- Trigon von Haus 5 oder 9: fließt. Kreativität (V) oder Sinn (IX) speisen die Identität.
- Quadrat von Haus 4 oder 10: Herausforderung zwischen dem Ich und den Wurzeln (IV) oder der Berufung (X). Gibt Kraft, aber verlangt Arbeit.
VIII.Die astrologische Lektion: Existieren ist Koexistieren
Die astrologische Lektion der Sonne in Haus 1 lässt sich in einer Formel zusammenfassen: Existieren ist Koexistieren. Das Subjekt, das nur existiert —das den ganzen Raum beansprucht, das dem anderen keinen Platz lässt— existiert nicht voll: es schließt sich in seiner eigenen Sichtbarkeit ein. Das Haus, das Präsenz gibt, gibt auch die Aufgabe zu lernen, präsent zu sein, ohne den Nächsten zu eliminieren.
Die traditionelle Astrologie urteilt nicht. Sie beschreibt das Kräftefeld; sie überlässt dem Subjekt die Entscheidung, es mit Würde oder mit Arroganz zu bewohnen. Die Sonne in Haus 1 kann der König sein, der strahlt, ohne zu fordern, oder der Tyrann, der fordert, angesehen zu werden. Dieselbe Platzierung, dieselbe Sichtbarkeit. Was sich ändert, ist die Freiheit, die sie bewohnt.
Deshalb insistiert die klassische Astrologie darauf, dass die Sterne neigen, aber nicht zwingen. Das Horoskop sagt den Charakter nicht voraus; es beschreibt das Terrain. Die Sonne in Haus 1 ist ein Terrain maximaler Ausgesetztheit, ein Grundstück an der Ecke des Platzes. Was darauf gebaut wird, hängt von der Bearbeitung ab. Die Lektion ist nicht «du wirst sichtbar sein»; sie ist «du hast das Terrain der Sichtbarkeit: nutze es mit Anmut oder missbrauche es mit Egozentrismus».
- Existieren ist Koexistieren: die Formel. Das Subjekt, das nur existiert, existiert nicht voll: es schließt sich in seiner eigenen Sichtbarkeit ein.
- Die Astrologie urteilt nicht: sie beschreibt das Kräftefeld. Das Subjekt entscheidet, es mit Würde oder mit Arroganz zu bewohnen.
- Dieselbe Platzierung, zwei Wege: der strahlende König oder der Tyrann. Dieselbe Sichtbarkeit. Was sich ändert, ist die Freiheit.
- Neigen, nicht zwingen: das Horoskop beschreibt das Terrain. Was darauf gebaut wird, hängt von der Bearbeitung ab.
Sichtbarkeit ist eine Gabe und eine Aufgabe. Wer die Sonne an der Tür hat, hat mehr Präsenz, nicht weniger Verpflichtung zu lernen, sie zu gebrauchen.
IX.Die Tradition: vom hellenistischen Horoskopos zur modernen Astrologie
Die Lehre von Haus 1 als Haus des Aszendenten und des Körpers geht auf die Ursprünge der hellenistischen Astrologie zurück. Vettius Valens fixiert in den Anthologiae (2. Jahrhundert n. Chr.) das erste Haus als Signifikator für Leben, Körper und Temperament. Ptolemäus assoziiert im Tetrabiblos III.11 das erste Haus mit der «vespera des Lebens» —der Schwelle, wo das Subjekt sich der Welt präsentiert—.
Die mittelalterliche arabische Überlieferung —Albumasar (9. Jahrhundert), Introductorium in Astronomiam— konsolidiert die Lehre. Guido Bonatti widmet im Liber Astronomiae (ca. 1280) das Traktat IX den Häusern und fixiert Haus 1 als vita: das Haus des Lebens, des Körpers, des Kopfes und des Gesichts. William Lilly hält in Christian Astrology (1647) die Lesung bei und fügt die Assoziation mit der «Komplexion» —dem Temperament— hinzu.
Die moderne Astrologie reinterpretierte Haus 1 in psychologischem Schlüssel. Dane Rudhyar (1936) beschreibt es als den «Punkt der Selbstverwirklichung»: das Haus, in dem das Subjekt entdeckt, wer es ist. Liz Greene (1976) verbindet es mit dem Archetyp des Helden: das Haus der Reise des Ichs. Robert Hand (1981) und zuletzt Demetra George (2019) und Benjamin Dykes (2017) haben die traditionelle Lesung restauriert, ohne die psychologische zu verlieren.
Die Sonne in Haus 1 wird heute mit beiden Schichten gelesen: der traditionellen (Körper, Präsenz, sichtbare Vitalität) und der psychologischen (projizierte Identität, Selbstbild, Reise des Ichs). Beide sind wahr; beide werden seit neunzehn Jahrhunderten vertreten.
- Vettius Valens (2. Jh.): fixiert Haus 1 als Signifikator für Leben, Körper und Temperament.
- Ptolemäus (2. Jh.): assoziiert das erste Haus mit der «vespera des Lebens», der Schwelle der Präsentation an die Welt.
- Bonatti (13. Jh.) → Lilly (1647): mittelalterliche Überlieferung und Renaissance-Synthese. Haus 1 = vita, corpus, complexio.
- Moderne Restauration: Rudhyar (Selbstverwirklichung), Greene (Helden-Archetyp), Hand, George, Dykes. Traditionelle + psychologische Lesung, beide aktuell.
✦✦«In prima domus Sol corpus et uitalitatem significat.»
Im ersten Haus bedeutet die Sonne den Körper und die Vitalität.
William Lilly, Christian Astrology (1647), cap. sobre casas. Reimp. Astrology Classics, 2004.
X.Chronologie
XI.Quellen und Bibliografie
- Ptolemy, Tetrabiblos (c. 150 CE), book III.11. Ed. F. E. Robbins, Loeb Classical Library 350, Harvard UP, 1940.
- Vettius Valens, Anthologiae (2nd c. CE), book II. English trans. Mark Riley, 2010.
- Firmicus Maternus, Mathesis (4th c. CE), book II. Ed. P. Monat, Belles Lettres, 1992-1997, 3 vols.
- Porphyry, Introduction to the Tetrabiblos (3rd c. CE). In: CCAG, vol. V. Whole Signs system.
- Albumasar, Introductorium in Astronomiam (9th c.). Latin trans. Hermann of Carinthia, 1133.
- Guido Bonatti, Liber Astronomiae (c. 1280), tract. IX. Ed. Robert Zoller, Golden Hind Press, 1994.
- Placidus de Titis, Physiomathematica (1650). Placidus house system.
- William Lilly, Christian Astrology (1647). Repr. Astrology Classics, 2004.
- Jean-Baptiste Morin, Astrologia Gallica (1661), book XXI on houses. Trans. James Holden, AFA, 1994.
XII.Häufig gestellte Fragen
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