I.Der König auf seinem Thron: das solare Domizil
Am 23. Juli, wenn die Sonne in die ersten Grade des Löwen eintritt, beginnt eine der klarsten Jahreszeiten des tropischen Tierkreises. Im Geburtshoroskop hat, wer die Sonne in diesem Zeichen hat, sie nicht zufällig: er hat sie in ihrem essentiellen Domizil. Die traditionelle Astrologie nennt so die Entsprechung zwischen einem Planeten und dem Zeichen, dessen Natur mit der seinen übereinstimmt. Die Sonne regiert den Löwen; der Löwe drückt die Sonne aus. Die Kombination lässt keine Zweideutigkeit zu.
Diese Seite behandelt diese konkrete Kombination. Nicht die Sonne im Abstrakten —das Luminar, das den Tag regiert, das bewusste Ich, die Vitalität— noch den Löwen im Abstrakten —das fixe Feuerzeichen, der Sommer, das Herz—. Sie behandelt die Sonne, wenn sie in das Zeichen fällt, das ihr eigen ist, was die astrologische Tradition domale Würde nennt, und die Folgen, die diese Würde für die Horoskopdeutung hat.
Wer hier nach «Sonne im Löwen» sucht, liest vielleicht sein eigenes Horoskop, das eines Kindes, das einer öffentlichen Figur. Es ist wert, von der ersten Zeile an zu sagen, was diese Seite ist und was sie nicht ist. Sie ist klassische Interpretation: was die traditionelle Astrologie über diese Platzierung vertritt, von Ptolemäus bis zur zeitgenössischen Praxis. Sie ist kein Magazin-Horoskop, keine Wahrsagerei, kein Determinismus. Die Sterne neigen; sie zwingen nicht. Das Horoskop beschreibt ein Kräftefeld; die Freiheit bewohnt es.
Die Sonne im Löwen ist daher ein Ausgangspunkt. Eine der lesbaren Platzierungen im Geburtshoroskop und zugleich eine der schattenseitigsten. Wo starkes Licht ist, ist starker Schatten. Würde befreit nicht vom Charakter; sie konzentriert ihn.
- Essentielles Domizil: die Sonne im Löwen ist im Zeichen, das sie von Natur aus regiert. Es ist die würdevollste Platzierung des Königssterns.
- Fixes Feuer: der Löwe ist das zweite Feuer- und das erste fixe Zeichen des borealen Sommers. Wärme, die sich hält, nicht die platzt (Widder) noch die sich zerstreut (Schütze).
- Gegenseitige Herrschaft: die Sonne regiert den Löwen; der Löwe drückt die Sonne aus. Die Entsprechung ist bidirektional, keine Metapher.
- Nicht-deterministische Lesung: Würde beschreibt eine Neigung, kein Schicksal. Der Charakter wird mit Freiheit geschmiedet, nicht gegen sie.
II.Die Natur der Sonne: das Luminar der Identität
Die Sonne ist, in der klassischen Astrologie, eines der beiden Luminare —neben dem Mond—. Die anderen Planeten sind Planeten im eigentlichen Sinn; die Sonne und der Mond sind Luminare, weil sie leuchten. Diese Unterscheidung ist nicht dekorativ: sie fixiert die Hierarchie. Die Sonne ist das Prinzip, um das das Horoskop geordnet ist. Wo die Sonne ist, dort ist das Zentrum des bewussten Ichs.
Ptolemäus fixiert im Tetrabiblos I.5 die Natur der Sonne als erhitzend und leicht trocknend: ihre aktive Qualität ist Erhitzen, ihre passive ist Trocknen. Diese physikalische —nicht moralische— Charakterisierung ist die Grundlage aller späteren natürlichen Astrologie. Die Sonne erhitzt, weil sie die Quelle der Wärme ist; sie trocknet, weil Wärme Feuchtigkeit zerstreut. Auf dieser physikalischen Basis wird die symbolische Interpretation aufgebaut: was erhitzt, belebt; was trocknet, kristallisiert.
Im Geburtshoroskop repräsentiert die Sonne vier konkrete Dinge. Erstens die zentrale Identität: der Kern, aus dem heraus sich das Subjekt selbst erkennt. Zweitens die Vitalität: das biologische Feuer, die verfügbare Energie, der Rhythmus der Gesundheit. Drittens das bewusste Ego: nicht im abwertenden Sinn, sondern als psychische Funktion, die integriert und lenkt. Viertens den Vater im traditionellen Sinn: die männliche Autoritätsfigur, die das Subjekt verinnerlicht und vor der es sich konstituiert.
Die Sonne braucht ein Jahr, um den Tierkreis zu durchlaufen. Sie verbringt etwa einen Monat in jedem Zeichen. Sie ist das einzige Gestirn, dessen Position nach Zeichen mit dem Geburtsdatum im Sonnenkalender übereinstimmt: wer zwischen dem 23. Juli und dem 22. August geboren ist, hat fast sicher die Sonne im Löwen. Die Ausnahme ist das Schaltjahr, das den Eintritt um ein bis zwei Tage verschiebt.
- Luminar: die Sonne ist eines der beiden Luminare (mit dem Mond). Planeten sind Planeten; Luminare sind Luminare. Die Hierarchie ist nicht dekorativ.
- Physikalische Qualitäten (Ptolemäus): erhitzend und trocknend. Sie erhitzt und trocknet. Auf dieser physikalischen Basis wird die gesamte symbolische Interpretation aufgebaut.
- Vier Repräsentationen: zentrale Identität, Vitalität, bewusstes Ego, Vater. Dies sind keine Metaphern; sie sind die vier kanonischen Lesungen der Sonne im Horoskop.
- Jahreszyklus: die Sonne durchläuft den Tierkreis in einem Jahr. Ein Monat pro Zeichen. Ihre Position nach Zeichen stimmt mit dem Geburtsdatum überein.
✦✦«Solis uero calidæ et siccæ est naturæ.»
Die Sonne ist in Wahrheit von warmer und trockener Natur.
Ptolomeo, Tetrabiblos I.5. Ed. F. E. Robbins, Loeb Classical Library 350, Harvard UP, 1940.
III.Der Löwe als Filter: das Zeichen, das die Sonne regiert
Der Löwe ist das fünfte Zeichen des tropischen Tierkreises. Es besetzt die 120°-150° der Ekliptik, gezählt vom Frühlingspunkt. Es ist das zweite Feuer Zeichen —nach dem Widder— und das erste der fixen Zeichen im borealen Sommer. Sein Symbol, ♌, stellt den Schwanz des Löwen dar. Sein lateinischer Name, Leo, wird in allen modernen Sprachen unverändert bewahrt.
Die Entsprechung zwischen Löwe und Sonne ist keine willkürliche Zuweisung. Die hellenistische Astrologie, bereits im zweiten Jahrhundert konsolidiert, fixierte die planetaren Domizile nach einem symmetrischen Prinzip: jeder Planet regiert ein Paar gegenüberliegender Zeichen, außer Sonne und Mond, die je eines regieren. Die Sonne empfängt den Löwen; der Mond empfängt den Krebs. Die zwei Luminare besetzen die Zeichen der Sommersonnenwende (Krebs) und des Moments der größten Hitze (Löwe), im Herzen des borealen Sommers.
Als Filter tut der Löwe drei Dinge mit der Sonne. Er intensiviert: die Sonne im Löwen brennt mit mehr Feuer als in jedem anderen Zeichen, weil das Zeichen nicht filtert oder nuanciert, sondern verstärkt. Er fixiert: die fixe Qualität des Löwen hält die solare Energie, gibt ihr Dauer, Widerstand, Fähigkeit zu bleiben. Er drückt aus: der Löwe ist das Zeichen des Mutes und der Präsenz, und die Sonne ist das Prinzip der Präsenz. Die Kombination erzeugt einen erkennbaren Menschentyp: der, der strahlt.
Der Löwe, Symbol des Löwen seit der Antike, ist keine gratuite Metapher. Er ist das Tier, das krönt und verteidigt. Die klassische Ikonographie assoziiert den Löwen mit dem nemeischen Löwen —der ersten Arbeit des Herkules— und mit dem König des Dschungels. Diese Bildwelt speist die symbolische Lesung des Zeichens, ersetzt sie aber nicht: die technische Angabe (solares Domizil, fixes Feuer) kommt zuerst; das Bild illustriert sie.
- Fünftes Zeichen: der Löwe besetzt die 120°-150° der Ekliptik. Zweites Feuerzeichen, erstes fixes des borealen Sommers.
- Solares Domizil: die hellenistische Astrologie wies den Löwen der Sonne und den Krebs dem Mond zu. Die zwei Luminare im Herzen des borealen Sommers.
- Drei Wirkungen des Löwen-Filters: intensiviert, fixiert und drückt aus. Er nuanciert nicht: er verstärkt.
- Symbol und Angabe: der Löwe illustriert; die technische Angabe (Domizil, fixes Feuer) begründet. Das Bild ersetzt nicht die Lehre.
✦✦«Solis domicilium Leo.»
Das Domizil der Sonne ist der Löwe.
Ptolomeo, Tetrabiblos I.17. Ed. F. E. Robbins, Loeb Classical Library 350, Harvard UP, 1940.
IV.Essentielle Würde: Domizil, Triplizität und Terme
Die essentielle Würde ist das zentrale technische Konzept der traditionellen Astrologie. Sie bezeichnet die Stärke oder Schwäche eines Planeten gemäß dem Zeichen, das er besetzt. Sie ist kein moralisches Urteil: sie ist ein Maß der Kohärenz zwischen der Natur des Planeten und der des Zeichens. Wenn ein Planet in seinem Domizil ist, stimmen seine Natur und die des Zeichens überein; der Planet operiert mit Fülle. Wenn er im Exil ist (das gegenüberliegende Zeichen), schwächt der Widerspruch ihn.
Die Sonne im Löwen genießt mehrere gleichzeitige Würden, gemäß dem traditionellen System. Die erste und wichtigste, das Domizil: der Löwe ist das Haus der Sonne. Die zweite, die Triplizität: die Sonne regiert die Feuer-Triplizität bei Tag (neben Jupiter bei Nacht und Saturn als Teilnehmer, gemäß dem doritheischen System). Die dritte, die Terme: im ptolemäischen System gehören bestimmte Grade des Löwen der Sonne. Die vierte, das Dekanat oder Gesicht: drei 10°-Abschnitte, von denen einer der Sonne gehören kann.
Von diesen wiegt das Domizil am meisten. Ein Planet in seinem Domizil ist, in der klassischen Formel, wie ein König in seinem Reich: Herr in seinem Land, mit voller Autorität. Das Exil ist das Gegenteil: der König in fremdem Land, abhängig von Wirten. Die Erhöhung (die Sonne wird im Widder, bei 19°, erhöht) ist eine spezifische Ehre; der Fall (Waage) ist ihr Inverses. Die Triplizität gibt jahreszeitliche Stärke. Terme und Dekanate, Nuancen nach Graden.
Für die praktische Interpretation ist die Sonne im Löwen die Sonne in ihrem maximalen technischen Ausdruck. Es gibt keine Schwäche zu mildern, keinen Widerspruch zu verhandeln. Der Königsstern ist zu Hause. Das bedeutet nicht, dass das Leben leicht ist —Würde befreit nicht vom Leiden—, sondern dass die solare Energie ohne Zügel operiert, zum Guten und zum Schlechten.
- Domizil: der Löwe ist das Haus der Sonne. Der Planet operiert mit Fülle. Es ist die wichtigste Würde.
- Triplizität: die Sonne regiert die Feuer-Triplizität bei Tag. Jahreszeitliche Stärke, ergänzend zum Domizil.
- Terme und Dekanate: Würden nach Graden. Nuancen innerhalb des Zeichens, keine Lesungswechsel.
- Wie ein König in seinem Reich: die klassische Formel. Herr in seinem Land, mit voller Autorität. Befreit nicht vom Leiden; sie befreit die Energie.
✦✦«Triplicitas ignis, Sol diurnus.»
In der Feuer-Triplizität regiert die Sonne bei Tag.
Ptolomeo, Tetrabiblos I.18. Ed. F. E. Robbins, Loeb Classical Library 350, Harvard UP, 1940.
V.Wie es sich manifestiert: Identität, Vitalität, Ausdruck
Die Sonne im Löwen manifestiert sich auf drei Ebenen: Identität, Vitalität und Ausdruck. Auf der Ebene der Identität erzeugt sie ein Subjekt, das sich von innen erkennt. Es braucht keine äußeren Spiegel, um zu wissen, wer es ist: das Zentrum ist in ihm. Das ist keine Arroganz —noch nicht—; es ist Gewissheit. Der typische Löwe zweifelt nicht an seiner Existenz; er bewohnt sie.
Auf der Ebene der Vitalität gibt die Sonne im Löwen ein robustes und nachhaltiges biologisches Feuer. Es ist nicht das explosive Feuer des Widders —das brennt und erlischt— noch das diffuse Feuer des Schützen —das sich ausdehnt und verdünnt—. Es ist das Feuer des Sommers an seinem höchsten Punkt: konstant, strahlend, fähig, zu beleuchten, was es berührt. Die Gesundheit ist tendenziell widerstandsfähig; die Erholung schnell; der Rhythmus regelmäßig.
Auf der Ebene des Ausdrucks sucht die Sonne im Löwen sichtbare Kanäle. Der Löwe muss sehen und gesehen werden. Nicht aus Eitelkeit —nicht notwendigerweise—, sondern weil Ausdruck die natürliche Form der solaren Energie ist: die Sonne ist nicht die Sonne, wenn sie nicht strahlt. Kreativität, Führung, Lehre, präsente Vaterschaft oder Mutterschaft, Kunst: all das sind Kanäle, in denen die Sonne im Löwen ihre natürliche Form findet.
Es gibt eine vierte Ebene, weniger diskutiert: den Vater. Die Sonne im Löwen im Geburtshoroskop beschreibt eine Beziehung zur Vaterfigur, geprägt von Präsenz —stark oder abwesend—, vom Autoritätsmodell, das der Vater verkörperte, und von der Verinnerlichung, die das Subjekt von diesem Modell macht. Wenn die Sonne affligiert ist, kann der Vater tyrannisch oder abwesend gewesen sein; wenn würdevoll, präsent und warm. Die Lesung erfordert, die Aspekte zur Sonne zu sehen.
- Identität: das Subjekt erkennt sich von innen. Gewissheit, nicht Arroganz. Das Zentrum ist in ihm.
- Vitalität: robustes und nachhaltiges Feuer. Nicht explosiv (Widder) noch diffus (Schütze). Widerstand, Erholung, Rhythmus.
- Ausdruck: sichtbare Kanäle. Kreativität, Führung, Lehre, Kunst. Die Sonne ist nicht die Sonne, wenn sie nicht strahlt.
- Vater: verinnerlichtes Autoritätsmodell. Präsenz oder Abwesenheit, Wärme oder Tyrannei. Erfordert, die Aspekte zu lesen.
VI.Der Schatten des Königs: Arroganz, Tyrannei, Theatralik
Wo starkes Licht ist, ist auch starker Schatten. Die Sonne im Löwen, in ihrer maximalen Würde, hat auch ihren maximalen Schatten. Es gibt keinen Schatten ohne Licht, das ihn wirft; kein Licht, das keinen Schatten wirft. Die traditionelle Astrologie trennt das eine nicht vom anderen: beide sind die Seite derselben Platzierung.
Der Schatten der Sonne im Löwen heißt Arroganz. Nicht der gesunde Stolz —der den eigenen Wert anerkennt, ohne demütigen zu müssen—, sondern der verwundete Stolz, der ständigen Beifall braucht, um nicht zu zerfallen. Der Löwe im Schatten wird tyrannisch: fordert, das Zentrum zu sein, bestraft, wer nicht applaudieret, verwechselt Präsenz mit Dominanz. Die Würde wird zur Maske; die Wärme zur leeren Theatralik.
Es gibt drei typische Formen des Schattens. Die Theatralik: das Subjekt spielt, statt zu sein; das Leben wird zur Szene und der Beifall zur Nahrung. Die Tyrannei: das Subjekt befiehlt, statt zu führen; die anderen sind Publikum oder Diener, nicht Gleichgesinnte. Die verwundete Eitelkeit: das Subjekt erträgt keine Kritik, interpretiert sie als Verrat, und antwortet mit Wut oder beleidigtem Schweigen. Die drei sind dieselbe Sache aus verschiedenen Winkeln: die Sonne, die strahlen sollte, ist zur Sonne geworden, die fordert, angesehen zu werden.
- Arroganz: der verwundete Stolz, der ständigen Beifall braucht. Nicht der gesunde Stolz, sondern seine Verzerrung.
- Theatralik: spielen, statt zu sein. Das Leben als Szene, der Beifall als Nahrung.
- Tyrannei: befehlen, statt zu führen. Die anderen als Publikum oder Diener, nicht als Gleichgesinnte.
- Verwundete Eitelkeit: Kritik als Verrat. Wut oder beleidigtes Schweigen als Antwort.
Spektrum der essentiellen Würden
Die 5 traditionellen Würden, die auf die Sonne im Löwen zutreffen
VII.Typische Aspekte zur Sonne im Löwen
Die Sonne im Löwen wird nicht allein interpretiert. Die Aspekte, die andere Planeten mit ihr bilden, nuancieren, intensivieren oder spannen die Platzierung. Eine Sonne im Löwen mit einem Trigon von Mars im Widder ist nicht dieselbe Sonne wie eine mit einem Quadrat von Saturn im Skorpion. Die essentielle Würde gibt die Basis; die Aspekte geben das Relief.
Die häufigsten Aspekte zur Sonne im Löwen sind vier. Die Konjunktion (Planeten im Löwen, innerhalb 8°): intensiviert; bei Merkur oder Venus sind sie nie weit von der Sonne durch die Astronomie. Die Opposition (Planeten im Wassermann, das gegenüberliegende Zeichen): spannt; Saturn im Wassermann, der der Sonne im Löwen opponiert, ist eine klassische Konfiguration der Spannung zwischen Ich und Kollektiv. Das Trigon (Planeten im Widder oder Schützen, den anderen Feuerzeichen): harmonisiert; fließt. Das Quadrat (Planeten im Stier oder Skorpion): fordert heraus; zwingt, mit Spannung zu arbeiten.
Weiche Aspekte (Trigon, Sextil) erleichtern den würdevollen Ausdruck der Sonne im Löwen. Harte Aspekte (Quadrat, Opposition) aktivieren den Schatten und damit die Gelegenheit, ihn zu transformieren. Eine Sonne im Löwen ohne wichtige Aspekte —eine «lose» Sonne— kann strahlend, aber weich sein; eine stark aspektierte Sonne im Löwen ist ein Kräftefeld, das das ganze Horoskop umkreist.
Die praktische Regel: die Sonne im Löwen ist das Zentrum. Aspekte beschreiben, welche Kräfte sie umgeben. Die Interpretation wird vom Zentrum zur Peripherie aufgebaut: zuerst die Sonne im Löwen (Würde), dann die Aspekte (Beziehungen), dann die Häuser (Terrain). Diese Reihenfolge ist keine ästhetische Präferenz; sie ist die Reihenfolge, in der das Horoskop seine Logik offenbart.
- Konjunktion (Planeten im Löwen): intensiviert. Merkur und Venus sind nie weit von der Sonne durch die Astronomie.
- Opposition (Wassermann): spannt. Das Ich gegen das Kollektiv. Saturn im Wassermann opponierend Sonne im Löwen: klassische Konfiguration.
- Trigon (Widder, Schütze): harmonisiert. Fließt. Erleichtert den würdevollen Ausdruck.
- Quadrat (Stier, Skorpion): fordert heraus. Aktiviert den Schatten und die Gelegenheit, ihn zu transformieren.
VIII.Die astrologische Lektion: Regieren ist Dienen
Die astrologische Lektion der Sonne im Löwen lässt sich in einer Formel zusammenfassen: Regieren ist Dienen. Der König, der nur regiert —der Tribut fordert, ohne Schutz zu geben—, ist ein Tyrann, kein König. Die solare Würde im Löwen gibt die Kraft des Zentrums; was das Subjekt mit dieser Kraft tut, ist die moralische Frage, die das Horoskop nicht löst, sondern stellt.
Die traditionelle Astrologie urteilt nicht. Sie beschreibt das Kräftefeld; sie überlässt dem Subjekt die Entscheidung, es mit Würde oder mit Arroganz zu bewohnen. Die Sonne im Löwen kann der großzügige König sein, der strahlt, ohne zu fordern, oder der Tyrann, der fordert, ohne zu geben. Dieselbe Platzierung, dieselbe Würde, dieselbe Energie. Was sich ändert, ist die Freiheit, die sie bewohnt.
Deshalb insistiert die klassische Astrologie, seit Ptolemäus, darauf, dass die Sterne neigen, aber nicht zwingen. Das Horoskop sagt den Charakter nicht voraus; es beschreibt das Terrain. Die Sonne im Löwen ist ein Terrain aus fixem Feuer, strahlend, mächtig. Was darauf wächst, hängt von der Bearbeitung ab. Die Lektion ist nicht «du wirst König sein»; sie ist «du hast das Terrain des Königs: nutze es mit königlicher Würde oder missbrauche es mit Tyrannei».
- Regieren ist Dienen: die Formel. Der König, der nicht dient, ist ein Tyrann. Würde gibt Kraft; Freiheit entscheidet ihren Gebrauch.
- Die Astrologie urteilt nicht: sie beschreibt das Kräftefeld. Das Subjekt entscheidet, es mit Würde oder mit Arroganz zu bewohnen.
- Dieselbe Platzierung, zwei Wege: der großzügige König oder der Tyrann. Dieselbe Energie, dieselbe Würde. Was sich ändert, ist die Freiheit.
- Neigen, nicht zwingen: das Horoskop beschreibt das Terrain. Was darauf wächst, hängt von der Bearbeitung ab.
Würde ist kein Urteil; sie ist eine Verantwortung. Wer die Sonne in ihrem Domizil hat, hat mehr Energie, nicht weniger Aufgabe.
IX.Die Tradition: von Ptolemäus zur modernen Astrologie
Die Lehre von der Sonne im Löwen als essentiellem Domizil geht auf die Ursprünge der hellenistischen Astrologie zurück. Claudius Ptolemäus fixiert sie im Tetrabiblos (ca. 150 n. Chr.) mit technischer Präzision: die Sonne regiert den Löwen; der Mond regiert den Krebs; die anderen Planeten regieren Paare von Zeichen. Diese Zuweisung ist nicht Ptolemäus' Erfindung —sie zirkulierte bereits in der früheren Tradition—, aber er kodifiziert sie und überliefert sie.
Vor Ptolemäus hatte Manilius den Löwen in den Astronomica (1. Jahrhundert n. Chr.) mit poetischer Bildsprache beschrieben: der Löwe, der Sommer, das Feuer. Vettius Valens, Ptolemäus' Zeitgenosse, widmet in seinen Anthologiae breiten Raum den Planeten in Zeichen. Porphyrios systematisiert in seiner Einführung zum Tetrabiblos (3. Jahrhundert) die Würden. Firmicus Maternus widmet in der Mathesis (4. Jahrhundert) das Buch II den Planeten in jedem Zeichen: es ist das erste erhaltene ausführliche Handbuch astrologischer Interpretation.
Die mittelalterliche arabische Überlieferung —Albumasar (9. Jahrhundert), Introductorium in Astronomiam— bringt die Lehre ins lateinische Abendland. Guido Bonatti konsolidiert sie im Liber Astronomiae (ca. 1280) als Referenzhandbuch. Die Renaissance erbt sie ohne Bruch: William Lilly in Christian Astrology (1647) und Jean-Baptiste Morin in Astrologia Gallica (1661) verteidigen sie gegen die Kritiker der Zeit.
Die moderne Astrologie erholte nach der Pause des 18. Jahrhunderts die Lehre der Würden im 20. Jahrhundert. Dane Rudhyar (1936), Liz Greene (1976), Robert Hand (1981) und zuletzt Demetra George (2019) und Benjamin Dykes (2017) haben die traditionelle Lesung der Domizile als zentrale technische Angabe restauriert, nicht als historischen Schmuck. Die Sonne im Löwen wird heute mit denselben Werkzeugen gelesen wie im zweiten Jahrhundert: weil die Lehre nicht gealtert ist.
- Ptolemäus (2. Jh.): fixiert das solare Domizil im Löwen. Kodifiziert, was in der früheren Tradition zirkulierte.
- Firmicus Maternus (4. Jh.): erstes vollständiges Interpretationshandbuch. Buch II den Planeten in Zeichen gewidmet.
- Bonatti (13. Jh.) → Lilly (1647): mittelalterliche lateinische Überlieferung und Renaissance-Synthese. Kein Bruch der Lehre.
- Moderne Restauration (20.-21. Jh.): Rudhyar, Greene, Hand, George, Dykes. Die Lehre der Würden, zurückgewonnen als technische Angabe.
✦✦«Planetæ in suis domiciliis robur suum amplificant.»
Planeten in ihren Domizilen verstärken ihre Kraft.
Guido Bonatti, Liber Astronomiae, tract. II (c. 1280). Ed. Robert Zoller, Golden Hind Press, 1994.
X.Chronologie
XI.Quellen und Bibliografie
- Ptolemy, Tetrabiblos (c. 150 CE). Ed. F. E. Robbins, Loeb Classical Library 350, Harvard UP, 1940. Books I (dignities) and II (planets in signs).
- Manilius, Astronomica (1st c. CE). Ed. G. P. Goold, Loeb Classical Library 469, Harvard UP, 1977. Book IV: zodiacal signs.
- Vettius Valens, Anthologiae (2nd c. CE). English trans. Mark Riley, 2010. Available online.
- Porphyry, Introduction to the Tetrabiblos (3rd c. CE). In: CCAG (Catalogus Codicum Astrologorum Graecorum), vol. V.
- Firmicus Maternus, Mathesis (4th c. CE). Ed. P. Monat, Belles Lettres, 1992-1997, 3 vols. Book II: planets in signs.
- Albumasar, Introductorium in Astronomiam (9th c.). Latin trans. Hermann of Carinthia, 1133.
- Guido Bonatti, Liber Astronomiae (c. 1280). Ed. Robert Zoller, Golden Hind Press, 1994. Treatise II: dignities.
- William Lilly, Christian Astrology (1647). Repr. Astrology Classics, 2004. Renaissance synthesis.
- Jean-Baptiste Morin, Astrologia Gallica (1661). Trans. James Holden, AFA, 1994. Defense of essential dignities.
XII.Häufig gestellte Fragen
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